Freitag, 14. September 2007
Alltag

Tschuldigung, erleb so viel, dass mir die Zeit zum schreiben abhanden gekommen ist. Versuch mal ein bisschen was zu unserer Arbeit hier zu erzählen, schließlich ist das hier unsere Hauptaufgabe neben Urlaub machen.
Also, wenn wir nicht gerade am Issykkul-See abhängen oder in den Süden fahren, haben wir hier einen fast normalen Alltag in Bishkek. Ich stehe meist so gegen halbacht auf, nehme die Marschrutka, die zum Glück vor meiner Haustüre startet, so dass ich auf der 50 Minuten-Fahrt meist einen Sitzplatz habe, latsche zum Office vorbei an vielen kleinen Kiosk-Läden und Obstständen, Bauarbeitern und qualmenden Mülltonnen und wenn ich dann so gegen viertel nach neun da bin, bin ich meist eine der ersten, außer unserem Mitarbeiter, der im Büro wohnt (Also nicht das ihr denk, er hätte dort ein Zimmer, nur einen großen Schrank wo eine Matte zum schlafen drin verstaut ist. In ein vorheriges Büro wurde mal eingebrochen, seitdem ist eigentlich immer jemand über Nacht hier. Außerdem verdient er nach unserer Schätzung so 200 Dollar, so kann er hier umsonst wohnen. Wenn wir grad schon bei den Wohnverhältnissen sind, die sind hier schon echt anders. Auf dem Land haben sie meist echt großzügige Häuser, aber in der Stadt wohnen die meisten schon sehr beengt. Unsere Vorsitzende wohnt in einer kleinen Dreizimmerwohnung mit ihrer Tochter, mit ihrem Neffen, seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern, und einer weiteren Nichte. Das haben wir bis jetzt so rausgefunden, aber vielleicht wohnen da noch mehr.) Also, ich komme im Büro an, es gibt erstmal Tee, dann arbeiten wir für ein paar Stündchen, natürlich erst nachdem jeder einmal gefragt hat, wie man geschlafen hat und wie man zum Büro gekommen ist. Ich werd auch oft gefragt was mein Russisch macht, dabei kann es sich hier kaum verbessern, hier reden alle kirgisisch oder mit uns eben englisch. Wir hatten auch schon angedacht, kirgisisch zu lernen was aber mangels Lehrbücher kaum möglich ist. Aber ich find mich zurecht, das ist die Hauptsache. Mittags wird’s dann wieder unruhig, entweder gehen wir im Cafe um die Ecke was essen oder es holt jemand usbekisches Fladenbrot und Wassermelone und wir essen im Büro. Nachmittags geht’s meist zu wie im Bienenstock, ständig kommt jemand rein sagt hallo, stellt irgendwelche Floskelfragen und später wird noch mal Tee getrunken. Die Gespräche kreisen oft ums Heiraten, gespickt mit vielen Witzen über Brautraub. Ist schon komisch, einerseits wollen sie mit ihren Selbsthilfegruppen das Thema bearbeiten, andererseits hat der eine Kollege, also der eine Neffe, seine Frau auch gekidnappt, er hat sie zwar erst gefragt und erst nachdem sie nein sagte, hat er sie entführt. Aber so ist er echt nett.

Wir versuchen momentan einen Fragebogen fertig zu stellen. Erst wollten wir ja einen Film drehen, aber nun können wir doch eine Evaluation mit ihnen machen. Ich erklär’s kurz von vorne. Die NGO „Erayim“ in der wir arbeiten, hat vor zehn Jahren angefangen, Selbsthilfegruppen in den neuen Siedlungen rund um Bishkek zu gründen. Diese Siedlungen bedecken ein riesiges Gelände am Rande der Stadt. Wir haben neulich mal ein paar Gruppen dort besucht. Ich wohn dort auch in der Nähe, aber noch in einem Mietshaus aus der Sowjetzeit. Die Häuser sind in diesen Siedlungen meist ziemlich groß, sehen so aus wie auf dem Lande. Bis vor ein zwei Jahren sind die Menschen einfach aus allen Teilen des Landes, glaub aber vor allem aus südlichen Regionen, nach Bishkek gekommen und haben gebaut, wo sie wollten. Seit ein paar Jahren verkauft die Stadt das Land, der Grundstückspreis ist für die Verhältnisse hier ziemlich teuer geworden. Aber es hat keine Zwangsräumungen und Zerstörungen gegeben wie in Kasachstan in solchen illegalen Siedlungen, auch mussten die Bewohner die bereits dort gebaut hatten, nichts nachzahlen. Aber es gibt dort halt kaum Infrastruktur, also kein Telefon, Gas oder Straßen. Straßen fehlen dort wirklich am dringendsten, es sind einfach breite Staub- und Schotterpisten, es ist sehr schwierig darauf zu fahren, so dass nur sehr wenige öffentliche Verkehrsmittel dort durch kommen. Aber es ist auch nicht so toll da zu laufen, danach ist die Hose bis zur Hüfte eingesaut, bin mal gespannt wie das dort im Winter wird, wahrscheinlich eine riesige Schlammwüste. Auch rennen da sehr viele Hunde rum, ist was unangenehm, aber auch Kühe und Esel und viele Kinder. Und es kommen jedes Jahr neue Häuser hinzu.

Selbsthilfegruppe (=SHG) ist hier was anderes als bei uns, es ist ein Konzept aus Indien: In einer Selbsthilfegruppe sind Leute aus einer Nachbarschaft zusammen, so um die zehn bis zwanzig Leute. Jeder zahlt eine Eintrittsprämie, die ist aber nicht wahnsinnig hoch, soll ja für arme Menschen sein, und dann zahlt jeder einen monatlichen Beitrag. So spart die SHG Geld an, was sie dann als Kredite an ihre Mitglieder auszahlen kann. Die Gruppe entscheidet an wen und unter welchen Bedingungen. So können die Mitglieder sich gegenseitig helfen. Manche renovieren mit dem Geld ihr Lädchen, andere kaufen zwei Nähmaschinen und eröffnen eine Schneiderei, oder Kühe um die Milch weiter zu verkaufen, andere brauchen einfach das Geld für Notlagen. Andererseits können diese Gruppen auch Kredite von Banken und Mikrokreditinstituten bekommen, welche ein einzelnes Mitglied alleine nicht bekommen hätte. Das ist im Prinzip so das wichtigste an dem Konzept, aber „Erayim“ bietet auch wie die meisten anderen Organisatoren, zum Beispiel UNDP, Schulungen an in den Bereichen Geschäftsführung, Fundraising, Menschenrechte, gesunder Lebensstil, Demokratie, Geschlechtergleichheit u.ä. an, um so den Menschen bessere Zukunftschancen zu geben. Während Erayim bis vor zwei Jahren nur in den neuen Siedlungen von Bishkek gearbeitet hat, hat die UNDP im ländlichen Raum Selbsthilfegruppen gegründet. Seit zwei Jahren arbeitet unsere Organisation aber auch im ländlichen Raum. Nun sollen wir eine Umfrage machen, um rauszubekommen, wie und ob die anderen SHG, also die von der UNDP gegründeten zum Beispiel, anders arbeiten, aber auch was sie an ihrer Arbeitsweise verbessern könnten. Mittlerweile haben wir drei Fragebögen erstellt, einen für Mitglieder von SHG, einen für die Koordinatoren von SHG und einen für ehemalige Mitglieder, um rauszubekommen, warum manche SHG instabil sind u. ä. Gerade sind wir an der Übersetzung, ist wirklich nicht leicht, aber einen Testlauf haben wir schon gemacht, die Fragen können wirklich nicht deutlich und einfach genug sein.
Morgen fahren wir dann für eine Woche in den ersten Oblast (wie Bundesland) um mit der Erhebung zu beginnen, sind schwer gespannt.

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