Dienstag, 2. Oktober 2007
Armut in Kirgistan?
Da ich mehrfach nach Armut hier in Kirgistan gefragt wurde, versuch ich mal, dazu was zu schreiben. Aber ich finds ziemlich schwierig. Hätte auch nicht gedacht, dass Armut so schwierig zu beschreiben und einzuordnen ist. Muss sagen, mir fällt sie auch gar nicht mehr so auf im Alltag. Ausserdem find ich’s schwierig über Menschen, die ich ja nun persönlich kenne, zu schreiben. Es sind eher Gespräche mit Menschen hier, die mir immer wieder klar machen, in was für einer anderen Welt wir in Deutschland leben. Werds trotzdem mal versuchen.
Was im Alltag auffällt, zumindest am Anfang, ist vor allem das der Staat kein Geld für eine gute Infrastruktur hat. Die Straßen sind einfach eine Katastrophe: Schlaglöcher, so dass alle Autos Schlangenlinien fahren, oft gibt es aber auch überhaupt keinen Belag, einfach nur Staub, vor allem in den neuen Siedlungen rund um Bishkek. Dadurch ist die Stadt wahnsinnig staubig, wir sind ständig am Schuhe putzen. Aber auch die öffentlichen Verkehrsmittel sind da wo keine richtigen Straßen sind auch oft sehr eingeschränkt. Auf dem Land gibt’s meist nur eine Hauptstraße, die geteert ist. Witzig ist was die Menschen so alles auf der Straße in den Dörfern machen: Alle Menschen und Tiere (Schafe, Kühe, Pferde, Esel, Gänse) gehen natürlich auf der Straße, aber auch Gesprächsrunden stehen oder hocken auf der Straße, Teppiche werden ausgebreitet und geschrubbt, die Bohnenernte wird in riesigen Haufen drauf gekippt um sie zu trocknen und dann wird mit dem Auto drüber gefahren um die Früchte aus den Hülsen zu bekommen. Die Autofahrer hupen bei jedem auf der oder an der Straße, damit keiner überfahren wird, oft müssen sie aber auch einfach ausweichen, zum Beispiel bei Kuhherden und Erntehaufen. Langsamer wird deshalb nicht gefahren, es wird meist sehr scharf gebremst, solange die uralten Klapperkisten es noch können.
Aber nicht nur die Straßen sind schlecht ausgebaut, auch gibt es kein Zugnetz oder Busse, man kann jedoch überallhin mit dem Taxi fahren oder mit Marschrutkas (da bekommt man bei Überlandfahrten auch immer einen Sitzplatz).
Auch an den Löhnen für Beamte wird deutlich, wie arm der Staat ist: Lehrer bekommen monatlich 3000 Som, das entspricht 60 Euro, davon kann hier auch keiner leben, schon gar nicht mit Familie. So verwundert es auch nicht, dass hier jeder, der die Möglichkeit dazu hat, sich bestechen lässt: Polizisten, Finanzbeamte, Professoren, aber natürlich läufts auch im Cafe besser, wenn der Kellner ein paar Som zugesteckt bekommt. Ein normaler Preis für zwei bis drei Stunden Russischnachhilfe die Woche bei einer „echten“ Lehrerin liegt hier bei monatlichen 500 Som, also 10 Euro.
Warum der Staat nicht genug Geld eintreiben kann, liegt auch an der schwachen Wirtschaft, aber auch weil die Schattenwirtschaft, wo also keine Steuern gezahlt werden, auf rund 50 Prozent geschätzt wird.
An diesem großen Treffen der ShanghaiCommiteOrganization, wo auch Putin, der Chinesische Präsident und der iranische Präsident zugegen waren, wurde die gesamte Polizei aufgefahren. Heißt, an allen großen Straßen standen unmengen junger Polizisten in hübschen Paradeuniformen herum. Die Löhne sind hier einfach extrem niedrig, Leute einstellen kostet nichts, die Menschen können sich trotz Job jedoch kaum ernähren. Also sucht jeder nach weiteren Einkommensmöglichkeiten, was wiederum die Schattenwirtschaft vergrößert und die Korruption.
Furchtbar ist auch die Müllentsorgung, oder genauer Nichtentsorgung. Es gibt zwar ein paar Müllcontainer ( wie ich aber erfahren habe, wurden die erst vor ein paar Monaten für dieses SCO-Treffen hingestellt), die werden auch manchmal geleert, aber da hat sich drummherum dann meist schon eine Müllkippe gebildet. Entweder gammelt also der Müll da so vor sich hin, oder er fängt halt an zu qualmen und zu brennen, weiß aber auch nicht, ob absichtlich oder weil wer ne Kippe reingeschmissen hat oder so. Hier kokelt und qualmts ständig in irgendwelchen Mülleimern, hab heut sogar eine Müllabfuhr gesehen aus der es raus qualmte. Die Luft ist dementsprechend oft ziemlich mies, mal sehen obs jetzt im Winter besser wird. Dementsprechend viele haben hier auch mit Allergien der Atemwege Probleme. Die Autos sind aber auch meistens Dreckschleudern und tragen ihren Teil zur Luftverschmutzung bei (Die meisten Autos kommen übrigens aus Deutschland. Ich freu mich immer wenn ich Lieferwagen mit Beschriftungen sehe, wie „Fleischerei Müller, Qualität und Tradition an Rhein und Ruhr“ oder „Deutschland-Blumenland“ u.ä., ich fühl mich dann immer ein wenig aus der Heimat gegrüßt).
Arme Menschen gibt es natürlich auch in Bishkek, wie eben in fast allen großen Städten. Man sieht schon täglich bettelnde Menschen und oft auch Kinder. Es gibt Kinder, meist russische, die Rosen in Parks und Cafes verkaufen, ältere Frauen, die mit einer Personenwaage am Straßenrand sitzen und für einen Som, ca. zwei Cent, kann man sich da wiegen (hab ich aber noch nicht gemacht). Überhaupt sehr viele Pensionäre, die sehr arm sind, da sie so gut wie keine Pensionen erhalten. Menschen mit Behinderungen oder im Rollstuhl sehe ich auch oft betteln. Aber viel Armut ist hier auch nicht so deutlich sichtbar. Hier gibt es riesige Märkte, den Osch-Basar für Lebensmittel und alles andere, und den Dordoi-Basar, wo es vor allem Klamotten gibt, meist aus China. Im Grunde bekommt man alles auf diesen Basaren, wenn man nur genug Geduld mitbringt und sich nicht ständig verläuft, sie sind wirklich überwältigend riesig. Auf diesen Märkten arbeiten viele Straßenkinder, so schätzungsweise eintausend. Sie schieben die Karren zwischen den Ständen durch, um eben jegliche Waren zu bewegen, Autos können auf den Märkten nicht fahren, dafür ists viel zu eng. Obdachlose sehe ich auch manchmal. Ich glaub nicht, dass es hier mehr solcher sichtbarer Armer gibt, als Beispielsweise in Moskau.
Auf der Straße in Bishkek sehen die meisten Menschen nicht arm aus, halt normal. Ordentlich und sauber gekleidet, die Mädchen oft ziemlich herausgeputzt, auf den Klamotten prangen Labels wie Dolce&Gabanna, CalvinKlein, Adidas u. ä.( natürlich alles chinesische Fälschungen, sehen aber gut aus), alle haben Handys. Aber wenn man genauer hinsieht, ists halt doch nicht wie in Deutschland. Die meisten haben eben nur drei T-Shirts, junge Menschen und Studenten wohnen provisorisch bei der Verwandtschaft auf der Couch, Waschmaschinen sind Luxus, die meisten waschen mit der Hand (ich übrigens auch, da ich in meiner Wohnung auch keine Waschmaschine habe und nicht immer meine Klamotten Katrin mitbringen möchte. Aber ich kauf mir immer Persil, riecht so nach Heimat). Fließend Wasser gibt’s in Bishkek meistens schon außer in den neuen Siedlungen. Aber die Löhne reichen halt grad so für Essen, Miete, Kleidung und Handy und für Familienfestivitäten. Und das schlimme ist, das die Bildung hier so gut wie keinen Zusammenhang mit dem Einkommen aufweist. Grad Lehrer und Akademiker verdienen zu wenig um davon leben zu können. Marschrutkafahren zählt hier zu den besseren Jobs was den Verdienst anbelangt, sie können wohl so bis zu 400 Euro im Monat machen. Das ist hier für die meisten echt ein unerreichbarer Verdienst. Wirkliche Entwicklung ist so einfach nicht möglich, sowohl für den einzelnen, wie für das Land insgesamt, das macht schon traurig.
Auf dem Lande siehts aber ganz anders aus als in den Städten. (Hier gibt’s nur drei Städte, die diesen Namen auch verdienen: Bishkek, Jalalabat und Osch. Der Rest der Hauptstädte der Oblaste („Bundesländer“) ist eine triste Ansammlung von Häusern, mit einem Platz, wo die Marschrutkas und Taxis abfahren und einer Art Verwaltung im Sowjetklotz. Keine Supermärkte, kein Kino oder gar Theater, vielleicht ein Internetcafe). Die meisten leben eben als Bauern, haben Vieh und Felder, vielleicht ein Auto was bei gutem Wetter fährt. Strom gibt’s eigentlich überall, aber fließend Wasser nie (hab ich zumindest noch nicht gesehen). Auf dem Land gibt’s also auch nur Plumpsklos, hab mich aber dran gewöhnt. Die meisten Häuser sind ziemlich geräumig, fast ein bisschen mediterran, überall Teppiche an den Wänden und in vielen Schichten auf den Sofas (übrigens auch auf den Autositzen, meist im Perserstyle). In jedem Wohnzimmer gibt’s einen riesigen Stapel mit so wattierten kleinen Sitz-Matratzen in schönen bunten Bezügen, die je nach Bedarf um ein Tischtuch zum Essen ausgebreitet oder zum Schlafen übereinander gelegt werden (würd mir auch gerne welche anschaffen, werd sie aber nicht in den Koffer bekommen und schicken ist irrwitzig teuer, mal sehen). Die meisten Menschen schlafen auf ihnen, Betten sind eher selten. Also die Häuser haben uns echt gut gefallen. Aber die meisten Menschen auf dem Land haben halt so gut wie kein Einkommen, sie leben fast alle von der Landwirtschaft. Bildung spielt dort keine große Rolle. Das größte Problem auf dem Lande ist die Arbeitslosigkeit, es gibt dort so gut wie keine Jobs. Deshalb ziehen eben immer mehr vom Land in die Städte, vor allem jene, mit guter Bildung.
Wie man sich das so durch Bilder aus Afrika vorstellt, dass einem hungernde Kinder in Scharen hinterher laufen oder die Armut in indischen Slums und ähnliches, die solltet ihr euch hier nicht vorstellen. Armut sieht hier so nicht aus. Aber vielleicht sind auch die Bilder, die man sich so von Teilen Afrikas macht, recht überzeichnet. Ich fühl mich hier wohl, hab auch nicht das Gefühl, dass wir als viel reicher auf der Straße angesehen werden oder so. In Gesprächen über Löhne in Deutschland natürlich dann schon. Aber vielleicht seh ich auch alles anders wenn ich’s wieder zurück in Deutschland miteinander vergleiche.
Ich hab momentan das Gefühl, ich muss mir hier schickere Klamotten anschaffen, hab eher zu alte, schlichte Kleidung mitgenommen für die Straßen von Bishkek.

Kleiner Nachtrag: Hier gibt’s grad eine ziemliche Inflation: Der Mehlpreis ist ungefähr um das vierfache angestiegen, da der Hauptlieferant Kasachstan nicht mehr so viel exportieren will, sie haben wohl auch nicht mehr genug. Heut sah das Brot schon um einiges kleiner aus. Die Lebensmittelpreise, vor allem Obst und Gemüse, sind im Vergleich zum letzten Jahr eh schon fast doppelt so hoch diesen Sommer. Das schlägt sich dann ganz schnell auch auf alles andere nieder, für die Marschrutkas werden auch doppelte Preise erwartet, schließlich müssen auch die Marschrutkafahrer Brot kaufen. Zudem gibt’s grad irgendwelches Gezerre um eine Verfassungsänderung, eigentlich sollte ein Referendum stattfinden, was jetzt wohl vom Obersten Gericht gekippt wurde. Mal sehen was sich da so zusammenbraut. Hoff nicht das es hier Demos gibt oder so. Halt euch auf dem Laufenden.

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